Die letzte Wacht - Das Thorlandcon

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Coverbild: Die letzte Wacht - Das Thorlandcon

Sie konnte sich nicht daran erinnern gestorben zu sein. Die Stimmen die von ferne an ihr Ohr drangen, klangen fremdartig und verschwommen. Kein Zweifel, es mussten die Stimmen von Bleichhäuten sein. Sofort spürte sie Wut in sich aufsteigen. Was hatte es zu bedeuten, dass diese blutleeren Feiglinge bis hier zu Razzolas Garten vordringen konnten? Wo waren die Krieger, die den Weg bewachten? Wo war die Schamanin, welche den Kriegern die Heiligkeit ihrer Aufgabe einbrennen sollte? War denn der Stamm schon wieder kirek geworden? Ihr Geist glitt über ihren Leib und die Kante des großen Felsens hinweg. Ein Dutzend Körperlängen unter ihr standen die Krieger und gestikulierten mit den Bleichhäuten. Aus Wut wurde Hass. Sie würde es nicht zulassen, dass ihre Sippe eine solche Schande auf sich lud. Den Geistern sei dank hatte sie nur wenige ihrer Kräfte eingebüßt. Sie hatte keine Zeit mehr die Ahnen zu rufen, sie musste jetzt handeln. Diese dummen Männer hatten keine Ahnung, welches Unheil sie über ihr ganzes Volk brachten, indem sie die Bleichhäute lebend von hier entkommen ließen. Sie ließ ihren Geist in Feuer aufgehen und fuhr mit ihm mitten unter die Fremden. Schreiend sprangen diese auseinander. Auch die Krieger ihres Volkes wichen verwirrt zurück. Sie stellte mit einem Anflug von Zufriedenheit fest, welche Kräfte ihr Hass entfesseln konnte. Lodernd vor Wut warf sie sich auf jene feiste Bleichhaut, die offensichtlich der Anführer der Eindringlinge war. Erst als das Knacken der Schädelplatte den Fremden mit herausgequollenen Augen zusammensinken ließ, nahm sie ihren Geist von ihm. Die anderen Bleichhäute flohen in Panik. Endlich hatten auch die Krieger des Stammes ihre Fassung wiedergefunden und erinnerten sich an ihre Pflichten. Sie setzten den Bleichhäuten nach und erlegten einen nach dem anderen, bevor sie deren Herzen verspeisten. Sie hatte die Ordnung wiederhergestellt, wie sie voller Genugtuung feststellte. Doch Zweifel blieben. Sie kam nicht umhin zu bemerken, dass ihr Volk weicher geworden war. Für einen Moment musste sie sich vorstellen, dass ihr Volk in vielen Generationen vielleicht selbst so kraftlos wie die Bleichhäute werden würde, die ihre Tiere nicht mehr jagen sondern in ihren Lagern einsperren. Diese Bleichhäute waren schon ein merkwürdiges Volk. Ein Wunder, dass sie überhaupt noch lebten. Nicht einmal die weisesten Ahnen konnten sich vorstellen, wie sich eine solch unterlegene Rasse wie die Bleichhäute so lange in den schlecht zu verteidigenden Ebenen halten konnten. Sieben Generationen sind vergangen, seit die Späher und Krieger des Stammes, der damals noch kirek war, die ersten Fremdlinge entdeckten – sieben Generationen, in denen die Bleichhäute immer zahlreicher statt weniger wurden. Sie waren wie eine Krankheit, die über das Land kam. Dort wo sie auftauchten starb der Wald, manchmal vergifteten sie auch Wasser und Luft. Vor allem aber verärgerten sie die Ahnen und die Geister der Natur. Immer wieder hat es tapfere Krieger gegeben, welche die Bleichhäute in die Schranken gewiesen haben, doch nie gelang es ihrem Volk, den Feind auszurotten. Doch bisher hatten die Bleichhäute auch nur die Ebenen bevölkert – in die heiligen Berge hatten sie sich noch nie getraut. Bis heute. Würden die Bleichhäute es wieder wagen, die Antwort ihres Volkes würde nicht anders ausfallen. Auf sie wartet nur der Tod.

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Hiermit ergeht der Befehl seiner Hochwohlgeboren Odo Tennak,

Freiherr des Thorlandes, an alle Hauptleute der freiherrlichen Garde, dass jeder Rekrut, welcher im Laufe des vergangenen Jahres in die Dienste der Garde zwecks einer Ausbildung in der Waffenkunst und der Landesverteidigung eintrat und welcher zum Zeitpunkt des Erhalts dieses Schreibens bereits mindestens zwei Monde Dienst getan hat und sich nicht als körperlich oder geistig untauglich für den weiteren Dienst in der Garde erwiesen hat, mit dem heutigen Tage oder so bald er als entbehrlich betrachtet werden kann, an den Grenzwachposten Trebnitzstein zu überstellen ist. Dort erfolgt eine Weiterverteilung der Rekruten an andere Grenzwachposten, wo die Rekruten ihre letzte Wacht für die Dauer von einem Mond antreten sollen, um ihre Fähigkeiten im Feldeinsatz unter Beweis zu stellen.

Des weiteren ergeht hiermit die Ankündigung, dass am zwölften Tage des Regenmondes auf dem Trebnitzstein das feierliche Gelöbnis der Rekruten stattfinden soll, wozu neben den Rekruten auch Abordnungen aller beteiligten Einheiten abzustellen sind, es sei denn dies wäre nicht möglich ohne die Sicherheit des Landes zu gefährden.

Gezeichnet, Odo Tennak, Freiherr des Thorlandes

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Aus der "Stimme von Dubi", Ausgabe 33/154

Rekruten rücken zur Letzten Wacht aus

Schmiedeberg: Ab heute werden wieder Nachwuchs-Gardisten zur traditionellen letzten Wacht auf den Trebnitzstein beordert.
Jedes Jahr im Sommer herrscht auf dem Trebnitzstein reges Treiben: Die Rekruten des aktuellen Ausbildungsjahrganges brechen zur "letzten Wacht" auf, um ihre Tauglichkeit als thorländische Gardisten unter Beweis zu stellen und sich anschließend feierlich vereidigen zu lassen. Diese Tradition rührt noch aus der Zeit, zu der Fomoriüberfälle auf weiter im Osten liegende Gehöfte praktisch an der Tagesordnung waren. Die Gardisten an der Grenze zu den Tafelbergen sollen die Bevölkerung vor Angriffen warnen und gegebenenfalls schützen. Auch wenn die Gegend mittlerweile als verhältnismäßig sicher gilt, wird an den Traditionen festgehalten. Gardehauptmann Urs Baernson: „Während des letzten Mondes ihrer Grundausbildung unterstützen die Rekruten die Grenzposten entlang der Tafelberge. Neben der Beobachtung der Grenze stehen auch Patroulliengänge durch das Grenzgebiet auf dem Plan." Alle Rekruten, die die Anstrengungen und Entbehrungen dieses Mondes meistern, werden am 12. Tag des Regenmondes feierlich vereidigt und damit offiziell zu Gardisten der freiherrlichen Garde unseres Landes erhoben. Den Wirt der Schenke "Trebnitzwacht" freut es: „Zur Vereidigungsfeier sind neben den Rekruten häufig viele Bewohner der umliegenden Dörfer anwesend, die mit Speis und Trank versorgt werden müssen." Mit der Vereidigung der Rekruten werden gleichzeitig Ausbildungsplätze für neue Gardisten frei. Am Neumondtag des Regenmondes wird der nächste Rekrutenjahrgang in Schmiedeberg begrüßt – traditionellerweise von den frisch vereidigten Gardisten.

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Werter Lucio,

es war wirklich eine bescheuerte Idee, auf dem Landweg ins Thorland zu reisen. Ganze drei Wochen habe ich von Tiefwasser bis nach Neusiedel gebraucht, selbst bei ungünstigen Winden wäre ich über das Meer mehr als doppelt so schnell gewesen. Der Zustand der Handelsstraße ist streckenweise wirklich schlecht, und ich bin tatsächlich dankbar für den Rat des werten Alonso, auf Karren zu verzichten und Packpferde zu verwenden. So einige Flussquerungen hätten uns sonst sicherlich zur Umkehr gezwungen.
Je weiter wir uns von Tiefwasser entfernt haben, umso schlechter wurden die Wegverhältnisse und umso dünner die Besiedlung. Neun Mal haben wir unser Nachtlager in kompletter Wildnis aufschlagen müssen, ansonsten fanden wir zumeist nur stinkende Bauernkaten als Unterkunft. In jedem Fall gab es auf dem ganzen Weg niemanden, der es wert gewesen wäre, eine Handelsbeziehung aufzubauen. Es ist wirklich ein Jammer, dass von der Artarer-Zivilisation nichts als Ruinen übrig geblieben sind, und selbst diese sind nicht besonders zahlreich. Höhepunkt meiner Reise war sicherlich der Weg an den Tafelbergen entlang. Ich kenne ja die Geschichten über die Fomori von den Thorländern schon zur Genüge, aber wenn man dann auf einmal selbst in der Gegend unterwegs ist, wo diese Monster hausen sollen, diese Erfahrung wünsche ich niemandem. Trotzdem ist alles gut gegangen, wir sind nicht überfallen und aufgeschlitzt worden und schließlich sicher nach Neusiedel gelangt. Diese sogenannte Hauptstadt des Thorlandes ist aber nicht mehr als ein besserer Marktflecken, provinzieller noch als Dubi, das dagegen gerade zu kosmopolitisch wirkt. Das einzige was in Neusiedel wirklich ein wenig zu beeindrucken vermag, ist der große, aus dunklem Stein erbaute Moiratempel, der ziemlich festungsähnlich wirkt und wohl den Respekt ausdrückt, den die Thorländer vor ihren merkwürdigen sieben Göttinnen haben.
Doch kommen wir nun zum erfolgreichen Teil meiner Reise: Mir ist es tatsächlich gelungen, eine Audienz beim Freiherrn zu bekommen, dem Herrscher dieses Landes. Behilflich war mir dabei eine junge Moirapriesterin, bei der ich mich ordentlich eingeschmeichelt habe. Die Moirakirche ist nämlich die alles bestimmende Kirche in diesem Land, da die Aspekte der Gottheit Moira Weisheit und Gerechtigkeit sind. So gelang es mir, mit dem Freiherrn direkt über Handelsfragen zu verhandeln. Das Thorland verfügt über reiche Silber- und Kupfervorkommen, welche sich günstig gewinnen und preiswert ankaufen lassen. Auf der anderen Seite sind die Thorländer im Bereich des Handwerks recht rückständig, sodass sie für Stoffe und Tuche ebenso gute Abnehmer sind wie für hochwertige Schmiedeerzeugnisse. In jedem Fall denke ich, dass uns in den nächsten Monaten und Jahren glänzende Geschäfte bevorstehen.
Darüber hinaus wurde mir angeboten, mich an einer neu zu erschließenden Kupfermine im Küstengebirge zu beteiligen. Ich werde diesen Ort in den nächsten Tagen einmal aufsuchen. Meine Rückreise wird sich deswegen noch etwas hinziehen. Ich hoffe, dass Ihr die Geschäfte in Tiefwasser während meiner Abwesenheit gut am Laufen halten könnt!

Mögen die Götter Euch gewogen sein,

Avio Mercatoro



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